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Porgo Tagträumer

Porgo Tagträumer

Wie wollen wir entscheiden, wohin wir gehen,
wenn wir nicht wissen, woher wir kommen?

Woher die Vögel ihr farbiges Gefieder haben

Ihr sollt erfahren, wie es kam, dass die Vögel von einem Tag auf den anderen ein farbiges Kleid hatten.

Als die Sonne die Flüsse und Felsen, die Blumen, die Tiere und Menschen mit ihren Strahlen wärmte, gab sie ihnen bald auch die farbigsten Kleider. Das Gras glänzte im Tau wie grüne Edelsteine, die Wolken zogen am Himmel auf wie eine Herde weißer Schafe. Die Vögel aber, die hatte die Sonne einfach vergessen. Sie hüpften und flogen in ihrem grauen Gefieder herum und schämten sich dessen sehr. Sie lärmten vom Morgen bis in die Nacht, aber die Sonne hörte weder ihr Bitten noch Klagen.

Da beschlossen die Vögel, zur Sonne zu fliegen. Leicht erhoben sie sich über die Kronen der Bäume. Mühelos ließen sie die Gipfel der schneebedeckten Berge unter sich zurück.
Nur zwei Vögel blieben zuhause: die Nachtigall, die die unscheinbare braune Färbung ihres Gefieders nicht störte und die sich lieber mit ihrem herrlichen Gesang die Zeit vertrieb, und der allerkleinste der Vögel, der Kolibri, der eine so lange Reise mit seinen winzigen Flügeln nicht überstanden hätte.

Die anderen aber flogen höher und höher. Die Strahlen der Sonne brannten bald unerträglich. Sicher hätten sich alle ihre Flügel verbrannt, wenn die Sonne sie nicht bemerkt und ihre Bitten und Klagen schließlich erhöht hätte.
Sie war barmherzig.
Wolkenfetzen, Wolkenhaufen, Schäfchenwolken, ja sogar Gewitterwolken rief sie herbei, zwinkerte dem Wind zu und, hui, mit dröhnendem Krachen und Fauchen schoss der Wind hinter den Wolken hervor und ein mächtiger Regen fiel auf die Erde. Die Sonne warf ihre Strahlen in den Regen und über dem Vogelschwarm am weiten Himmel zeigte sich ein nie vorher gesehenes Licht, das leuchtete weiß und rot und gelb und grün und blau und violett: ein Regenbogen.

„Die Sonne hat uns erhört.“, jubelten die Vögel und der Adler flog als erster in den Regenbogen und badete sich in den Farben. War das eine Freude. Jeder Vogel suchte sich die schönsten Farben aus und probierte sie an wie ein neues Kleid. Die Tauben badeten in herrlichem Blau, die Kardinäle in der roten Farbe, die Flamingos im rosenroten Rosa, die Raben tauchten ihr Gefieder in ein tiefes Schwarz. Die Papageien aber tollten sich dermaßen in dem Regenbogen, dass sie noch heute die buntesten Farben davon haben. Die Vögel dankten der Sonne mit herrlichem Gesang, dann breiteten sie ihre farbigen Schwingen und flogen glücklich heimwärts. Die Sonne lächelte und schickte ihnen ihre warmen Strahlen nach.

Der kleine Kolibri aber, obwohl er nicht mitgeflogen war, bekam auch ein farbiges Gefieder an diesem wundervollen Tag.
Die Regenbogenregentropfen nämlich hatten die vielen kleinen Blütenkelche gefüllt, aus denen er mit seinem schmalen Schnabel den süßen Honig pickte. Und immer wenn er sich zu einem Blütenkelch hinabbeugte, spritzten die Regenbogenregentropfen auf sein Federkleid und die Farben schillern bis heute darauf.

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© Danny Liebig