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Porgo Tagträumer

Porgo Tagträumer

Wie wollen wir entscheiden, wohin wir gehen,
wenn wir nicht wissen, woher wir kommen?

Warum sich die Sonnenblume der Sonne zudreht

Ich habe euch noch nicht erzählt, warum sich die Sonnenblume zur Sonne dreht.

Lange bevor in unseren Gärten und auf den Feldern die goldenen Sonnenblumen blühten, herrschte im grünen Kaiserreich der grüne Kaiser. Eine Tochter hatte er, schön wie eine Frühlingsblüte. Der grüne Kaiser machte sich große Sorgen um sie, denn sie wollte und wollte nicht heiraten. Keiner der Prinzen, ob groß oder klein, hell- oder dunkelhaarig, dünn- oder dickköpfig gefiel ihr. Auf ihres Vaters Zureden antwortete sie stets: „Mir gefällt nur der Sohn der Sonne, Vater.“
Eines Tages geriet der Kaiser darüber in Zorn: „Geh, geh und nimm den Sohn der Sonne zum Mann. Mir aber komm nicht mehr unter die Augen.“

Die Prinzessin verließ das Schloss und machte sich auf den Weg, über Berg und Tal, durch Wälder und Wüsten bis sie zu dem höchsten Berg gelangte, auf dem die Sonne ihren Palast hat und sie betrat den Palast.
„Was suchst du in meinem Palast, Mädchen?“
„Ich bin die Tochter des grünen Kaisers aus dem grünen Kaiserreich. Mein Vater hat mich verjagt, weil ich ihm gesagt habe, dass ich nur den Sohn der Sonne heiraten werde.“
„Ich gebe dir meinen Sohn zum Gemahl. Wenn du aber bei ihm bleiben willst, darfst du ihm niemals ins Antlitz schauen. Sonst musst du ihn für alle Zeit verlassen.“
„Niemals sein Antlitz schauen soll ich?“
„Niemals.“
„Niemals sein Antlitz schauen. Ich verspreche es.“

Ein ganzes Jahr lebte die Prinzessin mit dem Sohn der Sonne glücklich und zufrieden, ohne sein Gesicht nur ein einziges Mal gesehen zu haben. Aber natürlich war sie sehr neugierig.
„Warum soll ich dem Sohn der Sonne nicht ins Gesicht sehen? Warum? Er ist mein Gemahl.“
„Ich weiß, was dich quält, Mädchen. Was dich quält, seit du meine Frau bist. Morgen in der Früh noch ehe die Sonne, meine Mutter, erscheint, stell ein Glas Wasser vor mich hin und schau dir im Spiegel des Wassers mein Bild an. Verweile aber nicht lange dabei, sonst merkt es meine Mutter und dann ergeht es dir schlecht.“

Die Prinzessin tat wie der Sohn der Sonne sie geheißen. Im Wasser zeigte sich das Spiegelbild ihres Gemahls und sein Gesicht war so schön und freundlich, dass ihr fast das Herz stehenblieb. Sie vergaß alle Warnung und sah das Bild so lange an, bis die Sonne erschien und es bemerkt.
„Du hast dein Versprechen nicht gehalten, Mädchen. Auf der Stelle verlässt du meinen Sohn und den Palast.“

Weinend lief die Tochter des grünen Kaisers über Stock und Stein den hohen Berg hinab über Hügel und durch dunkle Täler. Als sie schließlich müde und erschöpft über ein weites Feld lief, erbarmte sich ihrer die Sonne. Sie verwandelte sie in eine hochaufragende Pflanze mit einer schönen großen goldenen Blüte. Wozu auch hätte sie als Prinzessin noch leben sollen ohne den Sohn der Sonne, ihren Gemahl. Die Menschen aber nannten die schöne Blume von Stund an Sonnenblume.

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© Danny Liebig